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25.01.2018 11:39 Alter: 208 days
Kategorie: Chrischona International
Von: Christel Dreher

Chrischona – ein Stück Heimat

Erinnerungen an St. Chrischona von Christel Dreher


Gruppenfoto der Chrischona-Gemeinde Grenzach vor dem Brüderhaus auf St. Chrischona, 1930er Jahre

Gruppenfoto der Chrischona-Gemeinde Grenzach vor dem Brüderhaus auf St. Chrischona, 1930er Jahre

Gertrud Gölzlin auf St. Chrischona

Gertrud Gölzlin (geboren 1911) an der hinteren Türe der Kaffeehalle (Restaurant Waldrain) auf St. Chrischona

Meine Geschichte mit Chrischona reicht weit zurück. Meine Urgrossmutter, Marie Haberer-Heckel, lebte in den 1880er Jahren bis in die 1920er Jahre mit ihrer Familie in Grenzach (heute: Grenzach-Wyhlen) am Fusse des Hügels „St. Chrischona“. In ihrem Wohnzimmer sollen – nach Aussagen eines älteren Verwandten – schon die ersten „Stunden“ mit Brüdern vom Theologischen Seminar St. Chrischona stattgefunden haben. Eine ihrer Töchter heiratete 1909 meinen Grossvater Gustav Gölzlin.

Dieser Gustav Gölzlin stellte dann zusammen mit seinem Bruder Ernst in Grenzach in der Hauptstrasse Land aus dem elterlichen Besitz zur Verfügung, auf dem das erste „Vereinshaus“ gebaut werden konnte.
Vor ein paar Jahren feierte die Chrischona-Gemeinde Grenzach-Wyhlen ihr 100-jähriges Bestehen. Als ich die Festschrift dazu in die Hände bekam, machte ich grosse Augen, denn die erste handschriftliche Mitgliederliste war ganz zweifelsfrei von meiner Mutter geschrieben. So ist meine Familiengeschichte eng mit Chrischona verwoben.

Über die grüne Grenze nach St. Chrischona

Ich selber bin in Grenzach aufgewachsen und meine Eltern sind mit uns drei Mädchen sehr oft nach St. Chrischona „gepilgert“. Durch den Wald hatten wir etwa eine Stunde Fussmarsch zu bewältigen. Beim Passieren der grünen Grenze, die irgendwo im Wald verlief, sollten wir immer etwas leise sein. Damals, in den 1950er Jahren, patrouillierten noch Zöllner an der Grenze und der Übertritt in „freier Wildbahn“ war eigentlich nicht erlaubt. Zu dieser Zeit wurde ja noch sehr viel über die Grenze geschmuggelt: Kaffee, Zigaretten, Zucker und anderes. Alles war „drüben“ viel besser als bei uns.

An einigen Stellen im Wald waren sogar noch riesige Stacheldrahtrollen aus dem 2. Weltkrieg im Wald zurückgeblieben. An der ganzen Grenze entlang war ein über zwei Meter hoher Stacheldrahtzaun gezogen. Ich erinnere mich noch gut, wie meine Mutter erzählte, wie traurig das war, dass sie während des Krieges nie mehr nach dem geliebten St. Chrischona gehen konnten und wie sehr sie und andere Gläubige im Dorf diesen Kontakt vermissten! Manchmal war sie über das „Neufeld“ gegangen, bis man nach Bettingen schauen konnte, so nah wie möglich an den Stacheldrahtzaun und blickte sehnsüchtig hinüber. Einmal, so erzählte sie gerne und bekam jedes Mal Tränen in den Augen dabei, stand sie wieder einmal in vorschriftsmässigem Abstand zum Zaun. Sie hatte mich im Kinderwagen dabei. Da tauchten auf der Schweizer Seite Spaziergänger auf, die riefen ihr zu, näher zu kommen – und warfen ihr eine Tüte über den Zaun zu! Da waren lauter Dinge drin, die sie gerade so nötig brauchte. Kleine Dinge, aber wie schwer, wenn man sie nicht hat! Schuhbänder, Nähnadeln, Faden, Streichhölzer…Sie war so dankbar und glücklich!

Köstliche Konferenzsuppe

In den 1950er Jahren stapften wir also regelmässig durch den Grenzacher Wald, um am ersten Sonntag im Juni an der Schwesterneinsegnung und am ersten Sonntag im Juli an der Brüdereinsegnung dabei zu sein. Wir Kinder durften dann im Brüderhaus in die „Sonntagsschule“. Unvergesslich sind mir da biblische Geschichten, die mit Flanellbildern gezeigt wurden. Und dann gab es ja immer zum Mittagessen die köstliche „Konferenzsuppe“ mit dem besten selbstgebackenen Brot. Diese Tage waren Höhepunkte in unserem Leben. Die Eltern trafen viele Bekannte, denn von nah und fern kamen ja die Menschen herbeigeströmt. Die Freude über die Gemeinschaft, die Feierlichkeit und der Ernst, die Gegenwart Gottes, die über dem Tag lag, haben mich als Kind schon sehr beeindruckt.

Aber eigentlich weiss ich das erst im Nachhinein. Als Teenager habe ich mich erstmal sehr abgegrenzt gegen meine frommen Eltern. Ich ging zwar noch mit, wenn wir nach Chrischona gingen, aber ich ging nicht mehr mit in den Gottesdienst. „Sonntagsschule“ erst recht nicht, das war ja für Kinder! Stattdessen trug ich in meinem Matchsack – damals der neuste Schrei – einen alten Wollteppich und ein Buch den Berg hoch und legte mich an den Waldrand, dort, wo jetzt die Parkplätze sind, zum Lesen.

Tod der Mutter

Mitten in dieser „Sturm- und Drangzeit“ passierte etwas Furchtbares: Meine Mutter starb auf einer Beerdigung an einem Herzschlag. Der Chor der Öffnet externen Link in neuem FensterChrischona-Gemeinde Grenzach-Wyhlen, zu dem sie gehörte, sang bei ihrer Beerdigung das Lied „Was Gott tut, das ist wohlgetan“. Ich weiss sonst fast nichts von der Beerdigung, aber das hat sich mir eingeprägt – und meine grüblerischen Gedanken dazu. Was war daran wohlgetan, dass Mutter ohne Abschied aus unserer Mitte gerissen wurde, und unseren 42-jährigen Vater mit uns drei Mädchen, 14, 10 und 8 Jahre alt, allein zurückliess?

Meine aufmüpfigen Gedanken von früher zerplatzten wie Seifenblasen. Jetzt fing ich an, selbst die Bibel zu lesen, viele Fragen quälten mich: Wo war unsere Mutter jetzt? Wie werde ich fertig mit meiner Schuld, meinen Lieblosigkeiten ihr gegenüber, meinen Versäumnissen?
Gott hat sich meiner erbarmt, ich habe Trost und Frieden und zum eigenen Glaubensstand gefunden. Chrischona ist mir bis heute ein Stück Heimat. Dafür bin ich sehr dankbar.

Christel Dreher lebt in Efringen-Kirchen. Weitere Geschichten mit Chrischona finden Sie auf der Internetseite Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.chrischona-geschichten.org.