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07.08.2017 15:01 Alter: 71 days
Kategorie: Chrischona International
Von: Rolf Höneisen, idea Schweiz

«Der Massstab für unsere Reife ist die Liebe»

Interview mit Pete Scazzero


Pete Scazzero, Referent der Konferenz «geistlich.emotional.reifen.» (Bild: © emotionallyhealthy.org)

Pete Scazzero hat persönlich erlebt, was Paulus im 1. Korintherbrief schreibt: dass der Massstab für unsere Reife die Liebe ist. (Bild: © emotionallyhealthy.org)

Einladung zur Konferenz «geistlich.emotional.reifen.»

Pete Scazzero ist Referent der Konferenz «geistlich.emotional.reifen.»

Pete und Geri Scazzero sind Referenten der Konferenz «geistlich.emotional.reifen.», die vom 7. bis 9. November 2017 auf dem Chrischona-Campus stattfindet. Im Interview erzählt Pete, wie seine Reise in eine emotional gesunde Spiritualität begann – und wie diese ihn, seine Gemeinde und seinen Blick auf Leitungsaufgaben veränderte.

Pete Scazzero, seit über 30 Jahren arbeiten Sie in Aufbau und Leitung einer Gemeinde. Wie geht es Ihnen heute?
Pete Scazzero: Meiner Frau Geri und mir geht es gut und wir geniessen es sehr, dass ich nach 26 Jahren nicht mehr der Senior Pastor von New Life Fellowship bin. Derzeit arbeite ich in der Gemeinde noch mit der Hälfte meiner Zeit als Lehrpastor und als Mentor für junge Leiter. Die andere Hälfte meiner Zeit gehört der Verbreitung von Emotionally Healthy Spirituality (Emotional gesunde Spiritualität) weltweit.

Blicken wir zurück. Sie gründeten in New York eine neue Gemeinde, die New Life Fellowship Church. Diese wuchs in sechs Jahren auf 400 Besucher im englischen Gottesdienst und 250 im spanischen. Dann stieg Ihre Frau Geri aus. Was geschah danach?
Pete Scazzero: Für mich war es der absolute Tiefpunkt – demütigend, entlarvend und frustrierend. Unsere Ehe war in Gefahr. Ich war wütend, aber es gab nicht viele Orte oder Menschen, an die ich mich wenden konnte. Ausser Gott. Ich erklärte mich bereit, für eine Woche eine Beratung durch empfohlene christliche Seelsorger in Anspruch zu nehmen. Und dort ist Gott mir oder besser uns begegnet. Die Wahrheit hat uns zuerst gar nicht gefallen, aber letztlich hat sie uns befreit. Und Gott hat diesen Tiefpunkt genutzt, um auch unsere Gemeinde zu verändern und unsere Arbeit «Emotionally Healthy Spirituality» entstehen zu lassen.

Sie schreiben in ihrem viel gelesenen Buch «Glaubensriesen – Seelenzwerge»: «Ich war auf dem emotionalen Entwicklungsstand eines Säuglings, versuchte aber, andere zu Müttern und Vätern im Glauben heranzubilden.» Woran haben Sie das erkannt?
Pete Scazzero: Paulus sagt, dass der Massstab für unsere Reife die Liebe ist (1. Korinther 13). Und Jesus sagt dasselbe. Woran erkennt man sie? Unter anderem daran, dass jemand zugänglich ist, dass jemand auch Scheitern eingestehen kann und bereit ist, verletzlich zu sein, sanft, freundlich, barmherzig. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, die Gemeinde aufzubauen, ordentlich zu predigen und das zu sein, was ich für einen «effektiven» Gemeindeleiter hielt. Aber ich hatte etwas so Offensichtliches wie die Liebe aus dem Blick verloren.

Sie haben damals erkannt, dass Sie nicht nur «Arbeiter Gottes» sind, sondern sein «geliebtes Kind». Die Identität in Christus ist wichtiger als das Tun. Wie verlief diese Veränderung hin zu emotionaler Gesundheit?
Pete Scazzero: Ich denke, in gewisser Weise habe ich das bereits sehr früh in meinem Glaubensleben verstanden, aber nicht tief genug. Ich habe es ja anderen gepredigt. Die Frage ist, ob ich es selbst verinnerlicht hatte. Ich lerne an diesem Punkt immer noch dazu. Aber 1996, als wir unsere Reise in eine emotional gesunde Spiritualität begannen, war diese Erkenntnis zumindest tief genug in meiner Erfahrung verankert, um tatsächlich Einfluss darauf zu nehmen, wie ich mein Leben führte, wie ich Beziehungen gestaltete, wie ich meine Gemeinde leitete, wie ich mich als Vater und als Ehemann verhielt.

Jetzt legen Sie ein weiteres Buch nach: «Emotional gesund leiten». Darin raten Sie Pastoren, Führung konkret zu machen, Schwieriges anzusprechen, Arbeit von Mitarbeitern zu bewerten. Damit wagen Sie sich im Kirchenbereich auf gewagtes Terrain. Warum tun Sie das?
Pete Scazzero: Bis zu diesem Punkt war ich immer wieder frustriert gewesen, weil es so schwer war, eine emotional gesunde Spiritualität für die Erfordernisse einer Leitungsaufgabe fruchtbar zu machen. Wir hatten damals mehr als 20 hauptamtliche Mitarbeiter und eine grosse Gemeinde mit vielen Diensten und einem Arbeitszweig für Nachbarschaftsentwicklung. Ich hatte den Eindruck, die Menschen mit einer tiefen Spiritualität, die ich kannte, waren alle keine Gemeindegründer oder Pioniere von neuen Diensten. Sie waren eher geistliche Begleiter, Professoren, Seelsorger, Autoren oder leiteten Einkehrhäuser. Was mir damals klar wurde, ist Folgendes: Um als Christ eine grössere Organisation mit Integrität zu führen, braucht man eine tiefe innere Verbundenheit mit Jesus und ein hohes Mass an Selbsterkenntnis. Das ist nichts für furchtsame Charaktere. Ich entdeckte, dass das grösste Problem ich selber war, mein eigenes inneres Leben. Es erforderte Mut, Jesus tiefer an meine eigenen Fehler, Unsicherheiten usw. heranzulassen, die erklärten, warum ich kein guter Leiter war. Auch das war anfangs schmerzhaft, aber auf lange Sicht war es höchst heilsam und belebend.

Was werden Sie uns zur Konferenz «geistlich.emotional.reifen.» mitbringen?
Pete Scazzero: Mir ist vollauf bewusst, dass der deutschsprachige Kontext ein anderer ist als der bei uns in New York. Aber ich vermute, dass die Probleme im Blick auf Leitungsaufgaben und die Fragen, wie wir Menschen zu einem tief gegründeten Glauben führen können, in gewisser Weise ähnlich sind. Ich freue mich auch darauf, von euch zu lernen, zuzuhören. Ihr habt eine einzigartige und reiche Geschichte; ihr habt der Kirche in der ganzen Welt etwas zu geben.

Die Konferenz richtet sich an Personen mit Führungsverantwortung. Welche «Führungspersonen» haben Sie im Blick?
Pete Scazzero: Unsere Hauptzielgruppe sind Gemeindeleiter – das ist der Bereich, in dem Gott uns geformt hat. Eine zweite Zielgruppe sind christliche Gemeinschaften und freie Werke – diese Organisationen sind für den weltweiten Bau des Reiches Gottes entscheidend wichtig. Und schliesslich wenden wir uns auch an Führungskräfte in der Wirtschaft, die an ihrem Arbeitsplatz Salz der Erde und Licht der Welt sein wollen. Gerade in der Wirtschaft werden Menschen mit einer emotional gesunden Spiritualität dringend gebraucht.

Worauf dürfen sich die Konferenzteilnehmer gefasst machen?
Pete Scazzero: Ja, wir werden referieren, aber wir werden auch viel Zeit darauf verwenden, mit den Teilnehmern das Material durchzuarbeiten, es auf die eigene Situation anzuwenden und zu erarbeiten, wie es im eigenen Leben und im Kontext ihrer jeweiligen Gemeinden oder Werke zum Tragen kommen kann. Wir freuen uns sehr auf die Begegnungen und betrachten die Einladung zu dieser Konferenz als grosse Ehre.

Die Konferenz «geistlich.emotional.reifen.» wird von Chrischona International und Willow Creek Schweiz veranstaltet. Sie ist gleichzeitig die Strategie- und Schulungskonferenz (SSK) 2017 für Mitarbeiter im Chrischona-Verband. Infos und Anmeldung: Öffnet externen Link in neuem Fensterwww.geistlich-emotional-reifen.ch